Der dionysischste Don Juan! 1942 in der Alten Philharmonie Berlin – Wilhelm Furtwängler war in Sachen Strauss ein historisch informierter Aufführungspraktiker: Er leitete die Uraufführung der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss.

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„Hinaus und fort nach immer neuen Siegen, solang der Jugend Feuerpulse fliegen!“, legt Lenau dem Titelhelden in den Mund – und Strauss verwandelt es in Töne: Selbstbewusst erobert sich Don Juan die Welt, reckt sich empor in einem rasenden Lauf und stürmt wieder herab, wie ein Raubvogel, der auf seine Beute stürzt. Ein Paukenschlag eröffnet dann Don Juans Hauptthema: strotzend vor Kraft, markant und energisch. Wild rauscht er durch die Tonartenlandschaft, alle Instrumente des Orchesters liegen ihm zu Füßen. Strauss, der Klangfarben-Magier, hat einmal von sich gesagt, er könne ein Glas Bier so materialgerecht in Musik übersetzen, dass der Zuhörer sofort erkenne, ob es sich um Kulmbacher oder Pilsener handele. Im „Don Juan“ merkt der Zuhörer sofort: Hier gibt’s Hochprozentiges! Wer Angst hat vor Extremgeschwindigkeiten, Fortissimo-Donner und musikalischen Vulkanausbrüchen, geht lieber gleich in Deckung. Denn dieses Thema kehrt immer wieder, in unterschiedlicher Gestalt: Strauss hat es virtuos in eine große musikalische Architektur eingebaut, einer Mischung aus der Sonatenform (der üblichen Sinfonien-Form für schnelle Anfangssätze) und der Rondoform.

Daneben bleiben die zarteren, „weiblichen“ Themen, wie die Seufzer der Flöte oder die ausdrucksstarke Oboenmelodie, bloße Episoden: „Die einzelne kränkend, schwärm‘ ich für die Gattung“, sagt Lenau lapidar über Don Juans Eroberungs-Moral, die sein Treiben regiert. Aber auch das unterliegt dem Gesetz der Endlichkeit: „Der Brennstoff ist verzehrt, und kalt und dunkel ward es auf dem Herd“. In Musik übersetzt: noch einmal ein lustvolles Aufbäumen zu einem Riesencrescendo – abrupte Generalpause – ein letztes Muskelzucken in den flirrenden Geigentremoli, Tod durch Herzstillstand.

Apollinisch und in besserer Aufnahmetechnik mit Fritz Reiner und dem CSO – auch Reiner ist ein historisch informierter Aufführungspraktiker: Seine wahrscheinlich wichtigste Prägung erhielt er in Dresden, wo er von 1914 bis 1921 als Hofkapellmeister wirkte. In allabendlichen Opern- und Konzertdirigaten in der Dresdner Oper lernte er sein musikalisches Handwerk. In jenen Jahren arbeitete er viel mit Richard Strauss zusammen. Unter anderem dirigierte Reiner hier die deutsche Erstaufführung von Die Frau ohne Schatten. Er leitete die Sächsische Staatskapelle ( > Wikipedia)
Und hier episch, aber nicht weniger dramatisch mit Willem Mengelberg: Auch er ist, wie nicht nur das Foto zeigt, ein historisch informierter Aufführungspraktiker: Mengelberg … war ein begeisterter Anhänger von Richard Strauss, dessen sinfonische Dichtung Ein Heldenleben ihm und dem Concertgebouw-Orchester gewidmet ist.
Noch besser durchhörbar als in der Aufführung von 1938!

Und hier eine Aufführung, die sich nicht um die 16′-Vorgabe der technischen Reproduzierbarkeit eines Kunstwerks in den 1920er Jahren kümmert, folglich nicht „historisch informiert“, dafür aber um so mehr an der musikalischen Substanz interessiert ist:

Kontrapunktisch ausgeleuchtet und gleichzeitig mit Leben erfüllt – die große Kunst des Sergiu Celibidache! Er ist der Dirigent, der Richard Strauss ernster nimmt als der Komponist sich selbst: Die 16′ ergeben sich aus der Tatsache, dass in den 1920er Jahren auf eine 78er Schellack-Platte nur 4′ Musik passten. Deshalb mussten George Szell und der Komponist selbst für die Aufnahme des Don Juan die Musik auf 16′ beschleunigen… Wer wirklich historisch informiert ist, setzt sich über diese technischen Grenzen bei der Auslotung eines Kunstwerks hinweg!