Friedrich Hölderlin, Hyperion

In diesem Lande leben wir, wie Fremdlinge im eigenen Haus.

Franz Kafka (aus: Ein Landarzt ), März 1917

Ein altes Blatt aus China

Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.

Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist. Jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß jeden Morgen mehr werden.

Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen, immer ängstlich rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall gemacht. Wir versuchen zwar manchmal aus unseren Geschäften hervorzulaufen und wenigstens den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es geschieht immer seltener, denn die Anstrengung ist nutzlos und bringt uns überdies in die Gefahr, unter die wilden Pferde zu kommen oder von den Peitschen verletzt zu werden.

Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie nicht, ja sie haben kaum eine eigene. Untereinander verständigen sie sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen. Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch gegen jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles.

Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem Fleischer gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon alles entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der Fleischhauer ist ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst wenn sie täglich Fleisch bekommen.

Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das darf er nicht mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in meiner Werkstatt platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und Polster hatte ich über mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören, den von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es still, ehe ich mich auszugehen getraute; wie Trinker um ein Weinfaß lagen sie müde um die Reste des Ochsen.

Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des Palastes gesehen zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren Gemächer, immer nur lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand er, so schien es mir wenigstens, an einem der Fenster und blickte mit gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloß.

»Wie wird es werden?«, fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein und ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es; und wir gehen daran zugrunde.«

Zerfall des Alten
Kafka verfasste die Erzählung im März 1917 im Häuschen Nr. 22 im Goldenen Gässchen, das seine Schwester Ottla im November 1916 gemietet hatte. Dorthin zog sich Kafka bis zum Sommer 1917 fast täglich am frühen Nachmittag zurück, um bis in die Nachtstunden, nicht selten sogar bis zum frühen Morgen, in Ruhe schreiben zu können. Es war eine vergleichsweise produktive Phase; fast alle Erzählungen, die 1920 in dem Sammelband „Ein Landarzt“ im Kurt Wolff Verlag erschienen, darunter auch „Ein altes Blatt“, sind hier entstanden.

Diese Schaffensperiode fiel mit dem dritten Kriegswinter zusammen. Dieser war besonders hart – nicht nur aufgrund der extremen Fröste, sondern mehr noch wegen der nun voll durchschlagenden kriegsbedingten Entbehrungen. Kafka-Biograph Reiner Stach bringt es auf die Formel: „Ein wohlhabender und mächtiger Staat in der Mitte Europas, ein Staat mit glanzvoller Geschichte und imperialen Ambitionen, war nicht mehr in der Lage, seine Bürger satt zu machen. (…) Die Menschen fanden sich ausgesetzt in einer Wolfsgesellschaft, in der Fleiß, Sparsamkeit und Loyalität nicht mehr belohnt wurden. Gefragt waren stattdessen soziale Schläue und dreistes Durchsetzungsvermögen, Flexibilität und beste Beziehungen. Das aber bedeutete die Auflösung, ja geradezu die Umkehrung des bürgerlichen Wertesystems – eine moralische Katastrophe, die Angst und Verzweiflung erregte.“

Ein Menetekel war der Tod des alten Kaisers Franz Joseph I. Ende November 1916, der unvorstellbare 68 Jahre lang das Reich regiert hatte. Und während kaum noch jemand an einen glücklichen Ausgang des Krieges glaubte, verstärkte sich das Wetterleuchten über der Doppelmonarchie, der soziale Umbruch war durch den Krieg beschleunigt, die zentrifugalen Tendenzen im Vielvölkerstaat ließen sein Auseinanderbrechen schon ahnen. Also rundum Not und Tod, Anzeichen von Zerfall des Alten und die Ungewissheit, was an die Stelle der „Welt von Gestern“ treten soll.

Nach Stach erlebte Kafka „diese Ereignisse als Zeichen einer irreversiblen Auflösung“. Aber er bezog daraus auch neue Kraft: Wenn nichts mehr so bleibt, wie es ist, dann kann es auch nicht mehr so weitergehen, dann sieht er sich gezwungen, neue Kräfte zu entfesseln „und mit ihnen einen Strom von Bildern und Ideen“. So kann es kaum Zufall gewesen sein, dass die Erzählung „Ein altes Blatt“, in der am Schluss der Kaiser selbst nur schemenhaft ans Fenster tritt, wenige Tage nach der Abdankung des Zaren in Sankt Petersburg entstand, dem Ende der 300-jährigen Herrschaft der Romanow-Dynastie.

Die von Kafka ursprünglich gewählte Überschrift war „Ein altes Blatt aus China“. Im handschriftlichen Manuskript schloss der Text unmittelbar an das erst posthum veröffentlichte Fragment „Beim Bau der chinesischen Mauer“ an. Der Zusammenhang zwischen den beiden Erzählungen liegt auf der Hand. In beiden Fällen spielen die nomadischen Reitervölker aus dem Norden eine zentrale Rolle, zunächst „Beim Bau der chinesischen Mauer“ vor allem als eine reale Bedrohung, die es durch ein unermesslich aufwändiges Verteidigungsbauwerk abzuwehren galt, während sie in „Ein altes Blatt“ bereits bis in die Mitte des Reiches vorgestoßen sind und auf keinerlei Abwehr mehr stoßen: „Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überlässt ihnen alles.“

Ausgehend von Motiven, die dem chinesischen Schauplatz in ferner Vergangenheit entlehnt sind, hat Kafka offenbar fabulierend, assoziierend Metaphern gebildet, mit denen er den Auflösungserscheinungen und der Orientierungslosigkeit in seiner ringsum vom Unheil bedrohten Welt auf die Spur kommen und Ausdruck verleihen wollte. Mit „Ein altes Blatt“ hat er zudem eine bedrückende Parabel von Zerfall, Überwältigung und Untergang geschaffen, eines Geschehens, das so oder ähnlich an vielen Schauplätzen und zu vielen Zeiten erlebt und erlitten wurde. Was sagt uns Heutigen diese Parabel? Das möge jeder Leser für sich selbst entscheiden. Doch vermutlich werden wir nicht die letzten sein, denen es beim Lesen dieses Textes ein wenig fröstelt.

„Der Andere könnte recht haben“

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900-2002), bekannt für seinen Satz „Der Andere könnte recht haben“, zitierte in einem Interview zu seinem 100. Geburtstag Hegel: „Ein gebildeter Mensch ist ein Mensch, der mit den Gedanken des anderen mitgehen kann.“ Gebildet sei, so Gadamer, wer „seine Selbstliebe überwinden“ könne, „sodass er hört, was der andere sagen will.“ Heute erleben wir vor allem das Gegenteil.

Michael Esfeld in der NZZ vom 01.04.2021:

Die geschlossene Gesellschaft und ihre neuen Freunde: warum es falsch ist, die Gesundheit höher zu gewichten als die Menschenwürde

Die freie Welt steht vor einer folgenreichen Weichenstellung: Sind die Freiheitsrechte verhandelbar oder nicht? Höchste Zeit, Karl Popper neu zu lesen – und seine Erkenntnisse auf unsere nachlässige Gegenwart anzuwenden. Ein Diskussionsbeitrag.

1945 erschien Karl Poppers politphilosophisches Meisterwerk «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde». Dieses Buch war eine der intellektuellen Grundlagen für die politische Weichenstellung, die man an Winston Churchills Reden in Fulton (Missouri) und Zürich 1946 festmachen kann: die Bildung einer westlichen Staatengemeinschaft, die, auf Freiheit und Rechtsstaat basierend, sich dem Totalitarismus des Sowjetimperiums entgegenstellt. Diese Weichenstellung prägte Politik und Gesellschaft über vier Jahrzehnte. 1989 schien keine neue Weichenstellung erforderlich: Freiheit und Rechtsstaat hatten sich durchgesetzt. Das war ein Irrtum. Die Weichenstellung erfolgt jetzt, im Jahre 2021.

Die offene Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie jeden Menschen als Person anerkennt: Die Person hat eine unveräusserliche Würde. Daraus ergeben sich Grundrechte, die Rechte der Abwehr äusserer Eingriffe in die eigene Lebensgestaltung sind. Der Staat ist ein Rechtsstaat, der diese Rechte schützt; er lenkt die Gesellschaft nicht, sondern lässt den Menschen freien Lauf, ihre sozialen Beziehungen zu gestalten.

Popper gemäss sind die intellektuellen Feinde der offenen Gesellschaft diejenigen, die für sich reklamieren, das Wissen um ein gemeinschaftliches Gut zu haben; aufgrund dieses Wissens nehmen sie in Anspruch, die Gesellschaft im Hinblick auf das Gute steuern zu können. Das Wissen berechtigt sie dazu, sich über Grundrechte hinwegzusetzen; denn es geht um das Ziel des menschlichen Daseins. Diese Feinde der offenen Gesellschaft sind durch die Massenmorde entlarvt worden, die sich im 20. Jahrhundert auf dem Weg zur Verwirklichung des angeblich Guten als unumgänglich erwiesen. Solche Ideen und ihre politischen Folgen gehören in der Tat der Geschichte an.

Die Freiheit und das Gute

Dennoch stehen wir wieder vor einer Weichenstellung zwischen offener Gesellschaft und Totalitarismus. Die Wortwahl ist keine Verbalhuberei, sondern präzise: Mit Totalitarismus ist in der Politikwissenschaft eine Herrschaftsform gemeint, in der der Staat im Namen einer höheren Ideologie in alle sozialen Verhältnisse hineinregiert, ohne Grenzen und Schranken.

Die heutigen Feinde der offenen Gesellschaft tun dies genauso wie diejenigen, die Popper kritisiert: Man setzt bestimmte Werte absolut, wie Gesundheitsschutz oder Klimaschutz. Eine Allianz aus Experten und Politikern nimmt für sich in Anspruch, das Wissen zu haben, wie man das gesellschaftliche bis hin zum familiären und individuellen Leben steuern muss, um diese Werte zu sichern. Wiederum geht es um ein höheres gesellschaftliches Gut – Gesundheitsschutz, Lebensbedingungen zukünftiger Generationen –, hinter dem individuelle Menschenwürde und Grundrechte ihre Gültigkeit verlieren.

Der Mechanismus besteht darin, aktuelle Herausforderungen zum Anlass zu nehmen, existenzielle Krisen herbeizureden – ein Killervirus, das umgeht, eine Klimakrise, welche die Existenzgrundlagen der Menschheit bedroht. Die Angst, die man auf diese Weise schürt, ermöglicht es dann, Akzeptanz dafür zu erhalten, die Grundwerte unseres Zusammenlebens beiseitezuschaffen – genau wie in den Totalitarismen, die Popper kritisiert. Es sind ja nicht Böse, die Böses tun, sondern stets Gute – aus Überzeugung um einen bedrohten, aber existenziell wichtigen Wert –, die Dinge tun, welche letztlich verheerende Folgen haben können.

Dieser Mechanismus trifft die offene Gesellschaft ins Mark, weil man ein bekanntes Problem ausspielt, das der Externalitäten. Was ist damit gemeint? Die Freiheit des einen endet dort, wo sie die Freiheit anderer bedroht. Handlungen des einen einschliesslich der Verträge, die er eingeht, haben Auswirkungen auf Dritte, die ausserhalb dieser Beziehungen stehen, deren Freiheit zur Gestaltung ihres Lebens aber durch diese Handlungen beeinträchtigt wird. Das Problem ist, dass man die Externalitäten beliebig weit fassen kann.

Die neuen Feinde der offenen Gesellschaft schüren die Angst vor der Ausbreitung einer angeblichen Jahrhundertseuche – aber natürlich kann jede Form physischen Kontaktes zur Ausbreitung des Coronavirus beitragen. Sie schüren die Angst vor einer angeblich drohenden Klimakatastrophe – aber natürlich hat jede Handlung Auswirkungen auf die nichtmenschliche Umwelt und kann dadurch zur Veränderung des Klimas beitragen. Mithin soll jeder nachweisen, dass er mit seinem Handeln nicht unabsichtlich zur Ausbreitung eines Virus oder zur Schädigung des Klimas beiträgt usw. – die Liste könnte man beliebig erweitern. So stellt man alle Menschen unter den Generalverdacht, letztlich mit allem, was sie tun, andere schädigen zu können. Von diesem Generalverdacht können sich die Menschen dann nur dadurch befreien, dass sie ein Zertifikat erwerben, durch das sie sich reinwaschen – wie einen Impfpass oder generell einen sozialen Pass.

Die neuen Philosophenkönige

Die Weichenstellung, vor der wir stehen, ist somit die zwischen einer offenen Gesellschaft, die jeden bedingungslos als Person anerkennt, und einer geschlossenen Gesellschaft, zu deren sozialem Leben man Zutritt erhält durch ein Zertifikat, dessen Bedingungen bestimmte Experten definieren, wie einst die Philosophenkönige Platons. Genau wie Letztgenannte, deren Wissensansprüche von Popper entlarvt wurden, haben auch ihre heutigen Nachfahren kein Wissen, das sie in die Position versetzen würde, solche Bedingungen ohne Willkür festzusetzen.

Inzwischen liegen zahlreiche Studien vor, die nachweisen, dass Lockdowns keinen statistisch signifikanten Unterschied in der Bekämpfung der Corona-Pandemie machen. Offene Gesellschaften haben Pandemien vergleichbarer Grössenordnung stets erfolgreich rein medizinisch bekämpft statt mit politischen Repressalien. Das Gleiche gilt für viele der Bedingungen, die zur angeblichen Rettung des Klimas eingefordert werden mit willkürlichen Definitionen dessen, was jeweils nachhaltig sein soll. Die Fakten zeigen, dass der CO2-Ausstoss in Industrieländern ohne Energiewende (Frankreich, England, USA) in den letzten zwanzig Jahren prozentual in gleicher Grössenordnung zurückgegangen ist wie in Ländern mit Energiewende (Deutschland). Entscheidend ist technologische Innovation statt staatlicher Bevormundung; dafür stellt wiederum die offene Gesellschaft die besten Bedingungen bereit.

Wie die alten, so kommen auch die neuen Feinde der offenen Gesellschaft aus ihrem Inneren. Für Wissenschafter und Intellektuelle ist es offenbar schwer einzugestehen, kein normatives Wissen zu haben, das die Steuerung der Gesellschaft ermöglicht. Für Politiker ist es wenig attraktiv, am besten nichts zu tun und das Leben der Menschen seinen Gang gehen zu lassen. Da kommt die Gelegenheit recht, altbekannte, aber in neuer Form auftretende Herausforderungen zu existenziellen Krisen hochzureden und Angst zu schüren mit pseudowissenschaftlichen Modellrechnungen, die in Katastrophen-Prognosen münden. Dann können Wissenschafter sich mit politischen Forderungen, denen durch den angeblichen Notstand keine rechtsstaatlichen Grenzen gesetzt sind, ins Rampenlicht stellen. Politiker können durch wissenschaftliche Legitimation die Macht erhalten, in das Leben der Menschen einzugreifen, die sie auf demokratischem, rechtsstaatlichem Wege nie erlangen könnten. Bereitwillig hinzu gesellen sich diejenigen wirtschaftlichen Akteure, die von dieser Politik profitieren und die Risiken ihrer Unternehmungen auf den Steuerzahler abwälzen können.

Der neue Kontrollstaat

Das Problem, das hier zutage tritt, ist ein altes. Es wohnt auch dem rein auf Schutz beschränkten Staat inne: Um jeden wirkungsvoll vor Gewalt zu schützen, müsste von jedem zu jeder Zeit der Aufenthaltsort nachweisbar sein; um die Gesundheit von jedem wirkungsvoll vor Ansteckung durch Viren zu schützen, müssten von jedem zu jeder Zeit die physischen Kontakte kontrollierbar sein. Die Kontrolle kann durch staatliche oder private Stellen erfolgen; das ist letztlich irrelevant. Der Punkt ist der Totalitarismus der allumfassenden Kontrolle, in den auch liberal angelegte Staats- und Gesellschaftsordnungen abgleiten können, wenn man es zulässt, Externalitäten so willkürlich zu definieren, dass am Ende jeder mit all seinem Handeln unter dem Generalverdacht steht, andere zu schädigen.

Dagegen kann man nur mit einem substanziellen Menschenbild angehen, das auf Freiheit, Menschenwürde und Grundrechten basiert, die bedingungslos gelten. Das ist das Fundament der offenen Gesellschaft im Sinne Poppers. Von diesem Fundament aus kann man Externalitäten eingrenzen in Form konkreter und signifikanter Schädigungen der Freiheit anderer, welche dann in der Tat äussere Eingriffe in die Lebensführung von Personen rechtfertigen. Verlässt man diese Grundlage hingegen, wird grosser Schaden für die allermeisten angerichtet und Nutzen nur für die Elite derjenigen, welche von den Bedingungen profitieren, die den Zutritt zur geschlossenen Gesellschaft regeln.

Es ist höchste Zeit, dass wir uns der Weichenstellung bewusst werden, vor der wir stehen. Dazu braucht es einen nüchternen Blick – und keinen von Angst getriebenen.

Michael Esfeld ist Professor für Philosophie an der Universität Lausanne, Mitglied der Leopoldina und Mitglied im akademischen Beirat des Liberalen Instituts.

„Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nie zu säen. Ich brauchte nur meine Netze auszuspannen, dann liefen sie wie ein scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt, und sie meinten ihre Pflicht zu tun. Törichter ist kein anderes Volk auf Erden. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden: die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgten sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.“ (Joseph Görres, Napoleon Bonaparte in den Mund gelegt)

Heinrich Heine (*13.12.1797, †17.02.1856) 

Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht, ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.

Hermann Hirsch:

Dort wo der Wahnsinn Einkehr fand

Deutschland sei dieses Land benannt

Sigfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung. Oxford, 1948; deutsche Ausgabe: Frankfurt, 1982: „Ich wollte wissen, was geschah, wenn die industrielle Produktion von der intimsten Sphäre des Menschen Besitz ergriff, und was geschah, wenn die industrielle Produktion versuchte, die organische Substanz zu meistern, wenn sie den Ackerbau mechanisierte, den Charakter des Brotes völlig veränderte, oder wenn sie versuchte, Tiere mechanisch zu töten und vieles mehr. Die Schlussfolgerung von ‚Mechanization Takes Command‘ deutet auf das kommende Ende der rationalen Auffassung der Welt, auf die Abkehr von der Einbahnstraße der Logik.“

Friedrich Hölderlin (* 20.03.1770, † 07.06.1843)

1797

Hyperion an Bellarmin: So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten –

Wie anders ging es mir!

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.

Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?

Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –

Die Tugenden der Alten sei’n nur glänzende Fehler, sagt‘ einmal, ich weiß nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt‘ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie taten, nichts getan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.

Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert sich nicht viel ums Wetter!

Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –

Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht tut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. Ihr sorgt und sinnt, dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht, wenn eure Kinderkunst nichts hilft; indessen wandelt harmlos droben das Gestirn. Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Aether, den verderbt ihr nicht.

O göttlich muß sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch schön das Schöne bleibt! –

1796

Eil, o zaudernde Zeit, sie ans Ungereimte zu führen,

    Anders belehrest du sie nie, wie verständig sie sind.

Eile, verderbe sie ganz, und führ ans furchtbare Nichts sie,

    Anders glauben sie dir nie, wie verdorben sie sind.

Diese Toren belehren sich nie, wenn ihnen nicht schwindelt,

    Diese bekehren sich nie, wenn sie Verwesung nicht sehn.

1797

Ihr kalten Heuchler, sprecht von den Göttern nicht! 

Ihr habt Verstand! ihr glaubt nicht an Helios,

Noch an den Donnerer und Meergott;

Todt ist die Erde, wer mag ihr danken? –

Friedrich Nietzsche (*15.10.1844-25.08.1900), „Fröhliche Wissenschaft“, 3. Buch, 125: Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, daß sie in Stücke sprang und erlosch. »Ich komme zu früh«, sagte er dann, »ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehn und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!« – Man erzählt noch, daß der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?«

Martin Heidegger (*26.09.1989-26.05.1976) über Hölderlin im „Spiegel-Interview“ vom September 1966 (N° 23/1976): „Mein Denken steht in einem unumgänglichen Bezug zur Dichtung Hölderlins. Ich halte Hölderlin nicht für irgendeinen Dichter, dessen Werk die Literaturhistoriker neben vielen anderen auch zum Thema machen. Hölderlin ist für mich der Dichter, der in die Zukunft weist, der den Gott erwartet und der somit nicht nur ein Gegenstand der Hölderlin-Forschung in den literaturhistorischen Vorstellungen bleiben darf. … Meine Überzeugung ist, daß nur von demselben Weltort aus, an dem die moderne technische Welt entstanden ist, auch eine Umkehr sich vorbereiten kann, daß sie nicht durch Übernahme von Zen-Buddhismus oder anderen östlichen Welterfahrungen geschehen kann. Es bedarf zum Umdenken der Hilfe der europäischen Überlieferung und ihrer Neuaneignung. Denken wird nur durch Denken verwandelt, das dieselbe Herkunft und Bestimmung hat.

Ulrich Teusch: “ In einer technisch geprägten Welt wie der unseren sind sowohl der Zwang wie auch die Versuchung groß, technischer oder technisch induzierter Probleme – den sogenannten Technikfolgen – durch abermaligen technischen Zugriff Herr zu werden. Das ist ein zentraler Impulsgeber weiterer und beschleunigter Technisierung. Wiederum überspitzt formuliert: Neue Technik ist zunehmend Folgetechnik von Technikfolgen.“ Ulrich Teusch, 15. Januar 2021

Jacques Ellul: „(1) Jeder technische Fortschritt verlangt einen Preis; alle technischen (und in der Folge sozialen, ökonomischen, kulturellen etc.) Gewinne werden mit (sozialen, ökonomischen, kulturellen etc.) Verlusten erkauft. (2) In jedem Stadium hinterlässt der technische Fortschritt mehr (und größere) Probleme als er löst. (3) Die positiven Wirkungen des technischen Fortschritts sind untrennbar von den negativen Wirkungen. (4) Jeder technische Fortschritt bringt eine Vielzahl unvorhersehbarer Folgen mit sich.“ Jacques Ellul, 1954

https://multipolar-magazin.de/artikel/technik-und-krise-teil-1

https://docs.google.com/file/d/0ByBmdFWIrZRhVEM0V0RDTU9yNGs/edit?pli=1

Martin Heidegger im „Spiegel-Interview“, S. 204 – 209 über „planetarische Technik“: „Wir haben nur noch rein technische Verhältnisse. Das ist keine Erde mehr, auf der der Mensch heute lebt.“ (> Hölderlin: Todt ist die Erde, wer mag ihr danken? )… Spiegel: „Sie sehen offenbar eine Weltbewegung, …, die den absoluten technischen Staat entweder heraufführt oder schon heraufgeführt hat?“ Heidegger: „Ja! … Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang: daß wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen. … Das Wesen der Technik … besagt: Der Mensch ist gestellt, beansprucht und herausgefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar wird und die er selbst nicht beherrscht. … Dem Geheimnis der planetarischen Übermacht des unbedachten Wesens der Technik entspricht die Vorläufigkeit und Unscheinbarkeit des Denkens, das versucht, diesem Unbedachten nachzudenken. … Ich sehe die Lage des Menschen in der Welt der planetarischen Technik nicht als ein unentwirrbares und unentrinnbares Verhängnis, sondern ich sehe gerade die Aufgabe des Denkens darin, in seinen Grenzen mitzuhelfen, daß der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Verhältnis zum Wesen der Technik erlangt.“

Ulrich Teusch:

„Triumph des Absurden

Ein adäquates Handeln in einer solchen Situation setzt ein hohes Maß an individueller und kollektiver Freiheit und Autonomie voraus. Doch zugleich bewirkt die skizzierte Konstellation, dass Freiheit und Autonomie auf eine harte Probe gestellt werden. Es war wiederum Jacques Ellul, der dieses Dilemma in aller Schärfe herausgearbeitet hat: 

Die Bedingung der Freiheit, so Ellul im Anschluss an Kierkegaard, sei ein dialektisches Verhältnis von Möglichkeit und Notwendigkeit. Freiheit kann nicht bestehen, wenn „alles möglich“ oder „alles notwendig“ ist. Die moderne Technik ist für Ellul freiheitsbedrohend weniger insofern, als sie ein System unentrinnbarer Notwendigkeiten erzeugt (wenngleich sie das auch tut), sondern vor allem deshalb, weil offenkundig keine Grenzen des technischen Fortschritts existieren und anerkannt werden. Der technische Fortschritt ist eine permanente Grenzüberschreitung. Immer mehr und vielleicht alles ist technisch möglich, ist technisch machbar, immer mehr und vielleicht alles wird technisch gemacht, wird technisch ermöglicht. Und alles technisch Mögliche wird gemacht

Das führt, wie Ellul unter Verweis auf den Begriff des Absurden der französischen Existenzphilosophie sagt, zu einem „Triumph des Absurden“. Wenn die Technik zur absoluten und universellen Möglichkeit wird, ist nichts mehr möglich. Die absolute Möglichkeit wird zur absoluten Notwendigkeit, absolute Macht wird zu absoluter Ohnmacht. Aus dem notwendigen Spannungsverhältnis wird Identität. So weit ist es noch nicht, aber so weit könnte es kommen. In vielen Bereichen ist schon heute zu beobachten, dass technischer Fortschritt möglich und notwendig zugleich ist. Es muss weitergehen, weil es sonst nicht mehr weitergeht.

Von all diesen Dilemmata und Aporien haben die Strategen des „Great Reset“ keine Ahnung. Sie haben nichts begriffen. Sie glauben allen Ernstes, die großen Krisen unserer Zeit mit denselben Mitteln lösen zu können, die sie verursacht haben. Sie setzen (zum wiederholten Mal) auf moderne Technik als universelle Problemlöserin. Dieses Projekt wird Schiffbruch erleiden. Es wird keinen Ausweg aus der globalen Systemkrise finden, sondern diese verschärfen und zuspitzen.“ Ulrich Teusch, 15. Januar 2021

Friedrich Dürrenmatt (*05.01.1921-14.12.1990) : Die Physiker

Möbius: Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist uns nicht gewachsen. Sie geht an uns zugrunde. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen. Es gibt keine andere Lösung.

Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.

Friedrich Dürrenmatt: Aus 21 Punkte zu „Die Physiker“

1.   Ich   gehe   nicht   von   einer   These,   sondern   von   einer Geschichte aus.

2.   Geht  man  von  einer  Geschichte  aus,  muß  sie  zu  Ende  gedacht werden.

3.   Eine  Geschichte  ist  dann  zu  Ende  gedacht,  wenn  sie  ihre  schlimmstmögliche Wendung genommen hat.

4.   Die  schlimmstmögliche  Wendung  ist  nicht  voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.

5.   Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.

6.   Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen.

7.   Der  Zufall  in  einer  dramatischen  Handlung  besteht  darin,  wann und wo wer zufällig wem begegnet.

8.   Je  planmäßiger  die  Menschen  vorgehen,  desto  wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.

9.   Planmäßig  vorgehende  Menschen  wollen  ein  bestimmtes Ziel erreichen.  Der  Zufall  trifft  sie  dann  am  schlimmsten,  wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: Das, was  sie  befürchteten,  was  sie  zu  vermeiden  suchten  (z.B.  Oedipus).

Lieselotte Sauer: Marionetten, Maschinen, Automaten. Der künstliche Mensch in der deutschen und englischen Romantik. Bonn, 1983

„Mein Gott, was habe ich getan?“ >

Rudolf Drux: Menschen aus Menschenhand – zur Geschichte der Androiden. Texte von Homer bis Asimov, Stuttgart, 1988

Theodor W. Adorno (*11.09.1903-06.08.1969)

Wie ein „Philosoph“ seine eigenen Minima Moralia unterschreitet:

Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat: das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot.

(Theodor W. Adorno in einem Brief an seine Eltern, 1. Mai 1945)

Robert Musil (1880-1942)

Zitate:

Deutschland ist der wundersamste und zukunftsreichste Ameisenbau, den es gibt, aber der Einzelne darin ist eine graue, reizlose, arbeitsame Ameise.

Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben.

Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt.

Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren.

Wir haben keine inneren Stimmen mehr, wir wissen heute zuviel, der Verstand tyrannisiert unser Leben.

Novalis (bürgerlicher Name: Friedrich von Hardenberg, 1772-1801)

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Ab ca. 11′ spricht Heidegger über Technik und nimmt den Transhumanismus vorweg…